Radiosands

Unsere Mobilität lässt uns Räume passieren, die von medialer Information aufgeladen sind. Wir bewohnen psychologische Landschaften, die von den Emissionen von Smartphones und mobilen Gadgets, von Fernseh- und Radiosendungen durchwoben sind. Die schnelle Auswahl von Informationspartikeln aus unterschiedlichsten Quellen hat sich zu einem gängigen Konsum-Habitus entwickelt. Wie aber wird unsere Wahrnehmung dadurch beeinflusst? Beschreiben die Versatzstücke aus Rede, Musik und medialem Rauschen eine eigene Sprache? Eine genuine neue Bedeutungsebene, die sich aus uneinheitlichen, audiovisuellen Partikeln zusammensetzt? Einen transzendenten Imperativ, dem wir unbewusst folgen?

Radiosands ist eine begehbare Installation, in der mehrere gleichzeitig stattfindende Radiosendungen analysiert und neu zusammengesetzt werden. Sie nutzt die Geschwindigkeit und algorithmische Potenz digitaler Technik, um eine neue Erfahrung zu schaffen: Eine Echtzeit-Collage von klanglichen Fragmenten, die innerhalb einer raumgreifenden Skulptur erfahrbar gemacht wird. Die räumlich-zeitliche Choreographie der akustischen Teilchen entwickelt sich zu einer neuen Einheit.

Radiosands Haus am Lützowplatz, Thom Kubli

Synopsis

Die Installation besteht aus sechzehn FM-Radioempfängern, die im Ausstellungsraum angeordnet sind. Die Radioempfänger wurden eigens für die Arbeit entwickelt und verfügen über eine spezielle Software, durch die sie gesteuert werden und ihre klangliche Dynamik frei variiert werden kann. Es wird eine Choreographie von Audio-Cuts ermöglicht, die in Echtzeit aus den laufenden Radioprogrammen selektiert werden. Die Platzierung der Radiogeräte verleiht den klanglichen Versatzstücken eine räumliche Struktur.

Verfahren des maschinellen Lernens analysieren kontinuierlich alle im FM-Spektrum empfangbaren Radiosendungen. Ähnlich gängiger Überwachungspraktiken werden dabei transkribierte Sprachbeiträge auf sensible Begriffe abgesucht. Gleichzeitig werden nichttextliche Qualitäten von Sprache und Musik extrahiert. Algorithmen erkennen semantische und klangliche Bezüge zwischen den Kanälen. Die Interpretation und Organisation dieser Informationslandschaft steuern die Komposition der Installation.

Zeichnung, Landscape RADIOSANDS, Berlin 2018, Image ©Thom Kubli
Drawing, Immersion, Loops and Holes, RADIOSANDS, Berlin 2018, Image ©Thom Kubli

Who do you trust?

Das Radio ist ein vertrauter Gegenstand. Es steht synonym für Information, Kommunikation und Zivilisation. Es besitzt die Fähigkeit, an jedem beliebigen Punkt im Sendegebiet Informationen zu empfangen und sie an den Hörer weiterzugeben. Und es hat abseits des Scheinwerferlichts digitaler Innovationen einen technosozialen Alterungsprozess durchlaufen. Diese Einschreibungen verleihen dem Radio eine subtil anthropomorphe Qualität, machen es zu einem verlässlichen Begleiter und vertrauten Objekt. Gerade hierdurch scheint es perfekt geeignet für einen “Eingriff“ in Form einer unerwarteten Erweiterung seiner kognitiven Fähigkeiten.

Die in Radiosands implantierte algorithmische Intelligenz rekombiniert vorgefundene auditive Informationen in Echtzeit und stellt damit neue Bedeutungszusammenhänge zwischen den Radiosendern her. Mediale Selektionsprozesse und Rekontextualisierungen provozieren das Zustandekommen neuer und unvorhersehbarer Sinn- und Unsinnsebenen. So stellt sich die Frage nach der Suggestionskraft derart manipulierter Informationen und folglich den gesellschaftlichen und politischen Implikationen. Wenn das Erzeugen von Realitäten Gegenstand hochpotenter Algorithmen ist, welcher Realität können wir vertrauen?

Radio-Objekte: Black MDF, acrylic, raspberry pi, wifi controller, rotary encoder | Weitere Materialien: Computer/semantic network, audio interface, wifi router | Maße: Variable; minimum extension: 50qm | Jahr: 2017-2019

Credits

Das Projekt ist eine Zusammenarbeit von Thom Kubli mit Wissenschaftlern der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, Institut für Angewandte Simulation. Mechatronik: Florian Guist, Marek Olkusz, David Jaschik, Michael Barocca | Assistenz: Christian Maximilian Blasius | Wissenschaftliche Leitung ZHAW: Prof. Dr. Sven Hirsch | Computerlinguistik ZHAW: Dr. Manuel Gil, Dr. Martin Schüle | Audioanalyse ZHAW: Prof. Dr. med. Thilo Stadelmann, Daniel Wassmer, Tobias Schlatter | Programmierung: Lydia Ickler, Norman Juchler

Besonderen Dank an Speechmatics, Cambridge für die Bereitstellung der Speech Recognition Engine. Realisiert mit Unterstützung vom Hauptstadtkulturfonds Berlin, ZHAW Zürich, Göhner Stiftung, Hasler Stiftung, Migros Kulturprozent, HeK Basel.